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Unsere beiden Kinder werden dieses Jahr 30 und 32. Sie kennen die Zeit nicht mehr, in der „Made in Germany“ weltweit als Qualitätssiegel galt. Sie wachsen auf in einem Land, das immer mehr durchgereicht wird in den Ranglisten für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierung. Besser gesagt: in einem Land, das sich immer mehr selbst im Weg steht und in Nebensächlichkeiten verstrickt, anstatt Lösungen für die dringenden und wichtigen Themen der Gegenwart zu erarbeiten.

Willkommen in der Faxrepublik Deutschland

Nicht erst seit gestern ist Digitalisierung ein zentraler Aspekt unseres Alltags und unserer Arbeitswelt. Ja, es gibt kluge Unternehmen und Organisationen, die längst in digitale Technologien investieren, um mit hoher Effizienz Produkte und Dienstleistungen weltweit anbieten zu können: schneller, stabiler, besser und günstiger! Aber man muss diese Unternehmen als positive Ausreißer bezeichnen. Denn die gesamtgesellschaftliche Stimmungslage in Sachen Digitalisierung pendelt nach wie vor zwischen Angst, Trägheit und Ignoranz.

Unternehmer kämpfen weiterhin eine Landschlacht mit Funklöchern und schlechter Infrastruktur. Sie führen einen Papierkrieg mit ewig gestrigen Amtsschimmeln. Ministerpräsident Söder hat Anfang März die bayerischen Ämter und Kommunen zum x-ten Male aufgerufen, endlich die Digitalisierung voranzutreiben. Aber wenn man die ersten Reaktionen von Landräten sieht, hört man den Aufruf bereits verhallen.

Auf individueller Ebene gilt im Grunde das gleiche Muster: Bürger, Eltern, Konsumenten, Arbeitnehmer, Patienten und Steuerzahler machen sich fit für die digitale Welt und sind offen für neue Technologien. Aber früher oder später wird ihre Initiative erstickt von Lehrern ohne Computerwissen, Ärzten mit Karteikästen oder Finanzämtern, die auch 2024 konsequent die Steuerbescheide auf Recycle-Papier versenden.

Vulnerabilität oder Ausredenkultur

Meine Mama ist 91 und man kann sie – nicht nur – in digitaler Hinsicht als hoch vulnerabel einordnen. Sie fragt zurecht (wenn auch nur rein theoretischer Natur): Wenn es Bahntickets nur noch online gibt, wie soll ich die dann kaufen? Zum Beispiel so: Ihre Bankgeschäfte hat sie an ihren Enkel delegiert, der Online Banking für ihr Konto eingerichtet hat. Noch mit 85 hat sie „WhatsApp gelernt“. Sie bedauert am meisten, dass sie sich damals (vor 30 Jahren) den Umgang mit dem Computer ausreden hat lassen.

Natürlich gibt es vulnerable Minderheiten, um die wir uns im digitalen Wandel kümmern müssen. Menschen, die einfach zu alt und zu gebrechlich sind, um den neuen Anforderungen aus eigener Kraft begegnen zu können. Aber sprechen wir doch vom großen Teil der Bevölkerung, der digital nicht vulnerabel, sondern einfach nur bequem oder ignorant ist. Menschen etwa, die

  • seit 30 Jahren einen Computer auf dem Schreibtisch stehen haben und über die Grundfunktionen nicht hinausgekommen sind.
  • auch 2024 ihre Bewirtungsbelege drucken, damit sie der Steuerberater einscannen kann
  • überfordert wären, wenn sie Zugtickets online buchen oder ein Parkticket per App lösen sollen.

Kurzum Menschen, die sich in der Nostalgie der Faxrepublik Deutschland gemütlich eingerichtet haben und denken, sie könnten sich bis zum Ende ihres Lebens durchmogeln. Leider ist es aber so, dass selbst 65-jährige heute im Schnitt noch 20 Jahre Restlebenserwartung vor sich haben. Spätestens 2030 werden sie nur mehr sehr begrenzt an diesem Leben teilnehmen können, wenn sie bis dahin ihre digitalen Fähigkeiten nicht korrigiert haben.

Wir haben den Kopf schon lange nicht mehr bei der Sache

Unsere Gesellschaft neigt immer mehr dazu, sich in Rand-Themen zu verlieren, die zwar von medialem Interesse sein mögen, aber nur geringen gesellschaftlichen Nutzen bieten. Wenn Influencer oder Daten-Leaks das Einzige sind, was uns spontan zu Digitalisierung einfällt, ist das so, als würden wir die Automobilindustrie auf Sportwagen und Pannenstatistiken reduzieren.

Wie konnte es dazu kommen, dass wir den Fokus so aus den Augen verlieren? Dass wir nicht mehr erkennen können oder wollen, was wichtig und notwendig ist? Erstklässler würde man fragen: Wo hast du denn deinen Kopf? Auf keinen Fall bei den Themen, die dir die Versetzung in die nächste Klasse sichern.

Verantwortungsvolles Handeln statt Moralisieren

Unser Umgang mit Digitalisierung und KI zeigt: Wir haben verlernt, konstruktive Debatten zu führen und uns zu streiten. Stattdessen herrscht oft eine Kultur des Beharrens auf persönlichen Gesinnungen und Prinzipien, die sachliche Diskussionen und Kompromisse erschwert. Es geht nicht um Gesinnungs-Battles zwischen Lagern: Bargeld vs. Online Banking, Verbrenner vs. E-Auto, Vegan vs. Schwein, Wärmepumpe vs. Ölheizung oder Habeck vs. Merz.

Wir müssen wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen für die dringlichen und wichtigen Themen unserer Zeit zu erarbeiten. Digitalisierung, Klimawandel, Migration, Gesundheitswesen, Bildung und demographischer Wandel stehen ganz oben auf unserem Zettel. Jeden Tag. Für alle. Wir können diese gewaltigen Aufgaben nur gemeinsam lösen. Und auf keinen Fall, wenn wir uns zerfleischen, gegenseitig bezichtigen und auf unseren Prinzipien oder Gewohnheiten beharren.

Risiko lange unsichtbar

In den letzten Monaten der schwachen Konjunktur konnte man erahnen, was mit unserem Land passiert, wenn wir auf die großen Themen keine starken Antworten haben. Wir verlieren an Boden in Ranglisten für Wachstum und Reichtum. Unsere Reputation nimmt Schaden. Und in der Folge werden wir das spüren an schwindendem Wohlstand. Oft habe ich den Eindruck, dass gerade die älteren Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen sich damit trösten, sie hätten ihre Schäfchen schon im Trockenen. Sie stehen Veränderungen, wie denen des digitalen Wandels, sehr zurückhaltend gegenüber und sind meiner Beobachtung nach hauptverantwortlich dafür, dass das ganze Land mehr auf der Bremse als auf dem Gaspedal steht. Sie unterschätzen dabei das Risiko, dass sich Abstieg und Wohlstandverlust sehr schnell einstellen können. Noch ist die Speckschicht dick und wohlig. In Kontakt mit der rauer werdenden Wirklichkeit kommen zuerst die Schwächeren.

Mehr Resilienz, weniger Vulnerabilität – jetzt!

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Staates, eines Unternehmens oder einer Person, mit Herausforderungen, Stress, Krisen oder Druck umzugehen, sich anzupassen und sich von Rückschlägen zu erholen. Und damit ist Resilienz ein gutes Gegenmittel zu Vulnerabilität. Wenn wir widrigen Bedingungen trotzen, Stärke und Widerstandsfähigkeit zeigen, dann können wir auch aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Dafür wäre jetzt eine sehr gute Gelegenheit. Denn Krisen gäbe es gerade genug. Delegieren wir die Verantwortung nicht auf den Staat. Nehmen wir sie selber wieder in die Hand. In Sachen Digitalisierung kann das bedeuten:

  • Für Bürger: Macht euch fit in all den Anwendungen, die das Leben leichter, einfacher und praktischer machen. Schaut auf die Chancen und legt eure große Angst vor kleinen Risiken ab.
  • Für Arbeitnehmer: Starrt nicht weitere 10 Jahre mit Schaudern euren Bildschirm an, sondern lernt die Programme und fordert neue Anwendungen, die euch die Arbeit besser und schneller erledigen lassen.
  • Für Unternehmer: Messt eurer IT, Datenverarbeitung, digitalen Touchpoints und Prozessen und KI-Anwendungen genauso viel Bedeutung bei wie eurer Buchhaltung, Werbung oder eurem Fuhrpark und kümmert euch mit maximaler Energie darum, dass euer Unternehmen in Sachen Digitalisierung zum Vorbild wird für andere.
  • Für Chefs von Ämtern und Kommunen: Sorgt dafür, dass alle Behördengänge bis 31.12.24 digital erledigt werden können, dass kein Papier mehr gedruckt wird, dass kein Brief mehr rausgeht. Dass alles Daten und Prozesse digital verwaltet werden…

Jeder Einzelne von uns kann von jetzt auf gleich in diesen Modus umschalten. Die Vision ist, dass unser Land wieder zum Vorbild wird und zu einer führenden Kraft in diesen bewegten Zeiten. Ich bin überzeugt, dass sich Dynamik, Wachstum und Wohlstand verbinden lassen mit Fairness, Empathie und sozialer Gerechtigkeit – bei mehr Freiheit und weniger Bürokratie.

Mir graut vor einer Vision, bei der lettische Touristen in 50 Jahren in ein Deutschland reisen, das dafür berühmt ist, dass hier alte Käuze in ländlichen Gegenden mit wackligem Internet-Empfang wohnen, ihre Pizza weiterhin selber vom Italiener abholen, mit Bargeld bezahlen und pünktlich um 20.00 Uhr – mit dem Ruf der Kuckucksuhr – die Tagesschau anschauen. Bevor sie am nächsten Tag wieder mit ihrem Diesel im Stau stehen, auf dem Weg zum Büro, wo sie ihren Chefs die Mails von gestern ausdrucken dürfen.

Empfehlung

In der Folge „Die empfindsame Gesellschaft“ der Sendung Wissen hoch 2 wird das Thema Vulnerabilität wissenschaftlich diskutiert und gut verständlich aufbereitet.