Schlagwortarchiv für: KI

Wir befinden uns mitten in einer nächsten großen Welle des digitalen Wandels. Ich finde es nicht übertrieben, von einer Neuerfindung des Internets zu sprechen. Wenn man verstehen will, wie sich das Internet im Moment verändert, hilft  ein Blick auf die Geschichte der letzten 30 Jahre:

Vom Ende der Mittelsmänner zur Zerstückelung der Welt

Am Anfang war das Versprechen der direkten Verbindung zwischen Nutzer und Anbietern. Das Internet räumte mit Zwischenhändlern auf. Wer etwas wissen oder kaufen will, braucht heute oft keinen Mittler mehr – man geht direkt auf die Webseite des Anbieters. Doch diese Freiheit hatte eine Nebenwirkung: die Atomisierung von Angebot und Nachfrage. Schon lange kaufen wir keine CDs mehr, sondern einzelne Songs; wir lesen keine ganze Zeitung mehr, sondern nur noch den einen Artikel, der uns interessiert, wir brauchen keinen Katalog mehr und auch kein Kaufhaus mehr. Wir lassen uns die Welt in Häppchen servieren – auf dem Sofa, auf das Smartphone. 

Die goldenen Käfige der sozialen Medien

Während das „offene Web“ (das Surfen von Seite zu Seite) immer unübersichtlicher wurde, bauten Plattformen wie Facebook und Instagram „Walled Gardens“ – digitale Gärten mit hohen Mauern. Hier fühlen wir uns heimisch: Der Algorithmus kennt unsere Vorlieben so gut, dass er uns genau das zuspielt, was uns interessiert (auch die unterbewussten Interessen). Für Unternehmen wurde das zum Paradies, weil sie ihre Botschaften hier fast chirurgisch genau steuern können.

KI: Der Filter, der alles verändert

Heute, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, erleben wir den nächsten Bruch. Wenn wir eine Frage haben, „surfen“ wir nicht mehr. Wir lassen uns die Antwort von einer KI aus den besten Quellen des Netzes zusammenbauen. Das hat weitreichende Folgen:

  1. Der Rückgang des „Open Web“: Warum eine Reise- oder Gesundheitsseite besuchen, wenn die KI mir die perfekte Zusammenfassung bereits geliefert hat? Der klassische Besuch einer Webseite geht dort massiv zurück, wo es nur um schnelle Fakten geht. Reisepläne, Gartentipps, Krankheitssymptome…
  2. Die Inseln des Vertrauens: Nur wenige starke Marken – wie etwa die Tagesschau – denen Menschen blind oder gerne vertrauen, werden weiterhin direkt angesteuert. Vertrauen ist die neue Währung für Klicks.
  3. Das Ende der Bannerwerbung: Wenn wir keine Webseiten mehr „durchstöbern“, sondern Antworten konsumieren, verliert klassische Werbung (Banner, Links, Content) den Boden für ihre Wirkung.

Effizientes Internet

Die wilde Jagd nach versehentlichen oder untergeschobenen Klicks – mit raffiniert platzierten Werbemitteln oder schwach gekennzeichneten Inhalten – gehört der Vergangenheit an. Uns Nutzer hat das doch zuletzt nur noch genervt und ermüdet. Das Internet könnte im Zuge dieser Entwicklung ein Stück sauberer, ehrlicher und effizienter werden. Für mich persönlich macht KI das Leben heute in vielen Bereichen jedenfalls viel effizienter:

  • Kreativität & Struktur: Ob beim Formulieren und Analysieren von Texten, dem Generieren von Bildern oder dem Aufbau von Argumentationen und Präsentationen.
  • Alltagshelfer: Von der detaillierten Reiseroute bis hin zum passenden Rezept – die KI liefert das Gerüst, das ich schrittweise ausbauen kann – wenn und wie ich will.

Der Schlüssel liegt in der Augenhöhe: Wir sollten KI nicht als bequemem Lieferanten blind vertrauen, sondern als Partner fordern, prüfen und weiterentwickeln. Dazu gehört: Ergebnisse der KI lesen, beurteilen und weiter veredeln! Durch diesen kritischen Dialog lernt die „persönliche“ KI und passt sich unserem individuellen Stil und Qualitätsanspruch an.

Mein Ausblick: Man kann und sollte diese Entwicklung nicht vermeiden. KI wird immer tiefer in unser aller Leben einziehen. Daher ist es entscheidend, sich aktiv damit auseinanderzusetzen und „fit“ zu bleiben. Denn auch wenn sich die Spielregeln ändern, bleibt der Kernsatz des digitalen Zeitalters bestehen:

„Das Internet braucht dich nicht. Aber du brauchst das Internet.“

Der deutsche Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, hat Ende September 2025 den ersten Minister-Avatar an den Start geschickt. Weimatar ist quasi seine eigene digitale Version, die u.a. fehlerfrei und mehrsprachig seine Botschaften im Netz verbreiten kann. Ob er damit einen spürbaren Beitrag leisten kann, Meinungsfreiheit und Souveränität in Europa zu sichern, bleibt erstmal offen. Aber zumindest greift er endlich in eine neue Kiste mit zeitgemäßen Medien-Instrumenten.

KI definiert Qualitätsanforderungen neu

KI wälzt momentan unsere Welt um. Davon ist die Mediennutzung nicht ausgenommen. Und damit ist auch das Angebot von Medienhäusern betroffen. Und zwar ziemlich radikal und heftig.

In der Vergangenheit haben Medien und Industrie stark investiert in Suchmaschinen-optimierte Inhalte, damit sie bei Suchanfragen des Publikums möglichst weit oben in der Ergebnisliste erschienen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Nutzer drauf klicken. Und die Klicks konnte man versilbern. Da hier viel Geld zu holen war, stellte sich rasch Gier ein und die Sitten verfielen zusehends.

GEO statt SEO

Boulevardmedien wie BILD machten im Netz dort weiter, wofür sie in der Printversion eh schon bekannt waren. Noch gefährlicher wurden Medien wie Focus-Online, t-online oder Merkur.de, die sich als seriöse Absender positionieren, aber in der Online-Praxis gerne reißerische Schlagzeilen raushauen (häufig mit Superlativen, Zuspitzungen oder Alarmton), um hohe Klickzahlen und schnelle Reichweite zu erzielen.

Diese Formel greift – erfreulicher Weise – immer seltener. Mittlerweile werden immer mehr Suchanfragen durch KI-generierte Antworten bedient, die dann meist oben rangieren in der Ergebnisliste. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen lieber ChatGPT statt Google bei der Suche nach Antworten auf Ihre Fragen. Unter den Antworten von ChatGPT werden Medien bestenfalls als Quelle ausgewiesen. Um sich dafür qualifizieren zu können, reichen reißerische Schlagworte in den Überschriften nicht mehr aus. Man muss (wieder) strukturierte und gute Inhalte anbieten, die von KI als wertvoll und relevant erkannt und verarbeitet werden. Mit GEO statt SEO wird dieser Wandel beschrieben. Dieser führt dazu, dass die Suchmaschinen-basierte Geschäftsbasis von Online-Medien erodiert: Weniger Traffic, weniger Einnahmen.

Möglicher Seiteneffekt: Marken dürften als Zeichen für Vertrauen und Qualität wieder an Bedeutung gewinnen – und damit Markenwerbung als Einnahmequelle für Medien.

Mediatheken statt TV Zeitschriften

Die öffentlich-rechtlichen Medien investieren seit langem intensiv und – wie ich finde – geschickt in ihre Mediatheken. ProSiebenSat1 versucht Joyn als Streaming-Plattform aufzubauen. Und Bertelsmann/RTL kaufte Sky Deutschland, um einen kleinen Punktsieg zu erringen. Dazu kommen mächtige Player wie Netflix, Amazon, Disney, Apple & Co, die alle einen Teil des Mediabudgets von uns Nutzern abzwacken wollen.

Sie haben alle erkannt, dass Zuschauer heute zu jederzeit entscheiden wollen und können, was sie wo sehen wollen. Das Programmraster wie wir es aus TV Zeitschriften kennen hat ausgedient. Streaming heißt das neue TV. Zumindest für Menschen, die gute Unterhaltung suchen. Der Rest wird bedient mit Trash-TV wie jüngst durch Stefan Raab mit Penis-Kunst.

Medienerziehung muss Bürgerrecht werden

Die Herausforderung wird immer offensichtlicher: Wer heute Medien konsumiert, muss filtern können – oder wird gefiltert. In Zeiten von KI, personalisierten Timelines und algorithmisch verstärktem Unsinn wird diese Fähigkeit überlebenswichtig. Medienkompetenz ist längst nicht mehr nice-to-have, sondern fundamentaler Bestandteil einer demokratischen Grundausstattung. Wer nicht unterscheiden kann, ob ein Inhalt wirklich relevant oder nur maximal klickbar ist, wird zur Beute.

Genau deshalb ist Medienerziehung keine elitäre Bildungsfrage, sondern muss zum Bürgerrecht erklärt und als solches angewandt werden: in Kindergärten, Schulen, in Familien, in Unternehmen… Denn nur so können Meinungsfreiheit und Pluralismus erhalten bleiben. Und nur so können wir vielleicht wieder zurückfinden zur Fähigkeit, miteinander zu diskutieren, zu streiten und gemeinsam zu besseren Ergebnissen zu kommen. Diese Fähigkeit ist heute in weiten Zügen verschüttet.

Staatsminister Weimer hat mit seinem Minister-Avatar vielleicht einen ersten symbolischen Schritt getan. Entscheidend wird sein, ob er und andere es ernst meinen mit der digitalen Aufklärung. Denn eines ist sicher: Die Schlacht um Aufmerksamkeit tobt heftiger als je zuvor. Sie forderte erste Opfer und brachte neue Sieger hervor. Vor allem aber entscheidet sie über unsere Souveränität als Gesellschaft.